ADHS im Erwachsenenalter

Psychodynamisch – Ganzheitlich – Individuell.

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die bereits in Kindheit und Jugend beginnt und bis ins Erwachsenenalter fortbestehen kann. Sie betrifft nicht nur Aufmerksamkeit und Konzentration, sondern kann auch die Steuerung von Impulsen, Motivation, Emotionen, Zeit und alltäglichen Handlungen beeinflussen.
Die Ausprägung ist sehr unterschiedlich. Gerade bei Menschen, die über viele Jahre eigene Strategien entwickelt haben, kann ADHS lange unerkannt bleiben. Auch eine hohe Leistungsfähigkeit schließt ADHS nicht aus.
Im Erwachsenenalter können sich die Schwierigkeiten unter veränderten Lebensbedingungen deutlicher zeigen – beispielsweise, wenn bisher hilfreiche Kompensationsstrategien nicht mehr ausreichen, die Vitalkraft abnimmt und Erschöpfung, Überforderung und Konzentrationsprobleme zunehmen.
Mehr über ADHS, seine unterschiedlichen Erscheinungsformen, ADHS im höheren Erwachsenenalter und die Diagnostik erfahren Sie in den ausführlicheren Informationen.
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ADHS im Erwachsenenalter

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung. Sie beginnt bereits in Kindheit und Jugend, kann aber bis ins Erwachsenenalter fortbestehen und sich dort in sehr unterschiedlicher Weise zeigen.
ADHS betrifft nicht nur Aufmerksamkeit und Konzentration. Auch die Steuerung von Impulsen, Motivation, Emotionen, Zeit und alltäglichen Handlungen kann beeinträchtigt sein. Manche Menschen erleben vor allem Unaufmerksamkeit und Schwierigkeiten mit Organisation und Zeitmanagement, andere zusätzlich innere oder äußere Unruhe und Impulsivität. Die Ausprägung ist individuell sehr unterschiedlich.
ADHS ist keine Frage mangelnder Willenskraft oder Disziplin.

Wenn ADHS lange unerkannt bleibt

Bei vielen Erwachsenen wird ADHS erst spät erkannt. Das gilt insbesondere für Menschen, die ihre Schwierigkeiten über viele Jahre mit eigenen Strategien ausgleichen konnten.
Manche entwickeln beispielsweise besonders feste Routinen, arbeiten unter hohem Zeitdruck, nutzen zahlreiche Erinnerungen und Listen oder bereiten sich auf Aufgaben sehr intensiv vor. Andere gleichen Schwierigkeiten durch einen hohen persönlichen Einsatz, Perfektionismus, Einstellung von Personal für manche Bereiche, die besonders schwer fallen, oder eine besonders starke Selbstkontrolle aus.
Nach außen kann ein solcher Mensch deshalb lange sehr leistungsfähig wirken. Die notwendige Anstrengung ist für andere jedoch oft nicht sichtbar.
Gerade bei Frauen wird ADHS teilweise erst spät erkannt. Eine systematische Übersicht über ADHS bei erwachsenen Frauen beschreibt unter anderem Anpassungsleistungen, Kontrollstrategien und die langfristigen Folgen eines unerkannten ADHS.¹

ADHS und Erschöpfung

Erschöpfung ist bei Erwachsenen mit ADHS häufig. In einer Studie mit 243 Erwachsenen mit ADHS erfüllten 62 Prozent die Kriterien für eine klinisch relevante Fatigue. Die Betroffenen waren deutlich erschöpfter als gesunde Vergleichspersonen.²
Auch Schwierigkeiten mit den sogenannten exekutiven Funktionen können mit Erschöpfung zusammenhängen. Dazu gehören beispielsweise die Planung, Organisation, Selbststeuerung und zeitliche Strukturierung von Handlungen. Eine Studie mit berufstätigen Erwachsenen mit ADHS fand Zusammenhänge zwischen solchen Schwierigkeiten und verschiedenen Formen von Erschöpfung und Burnout.³
Das bedeutet nicht, dass ADHS zwangsläufig zu chronischer Erschöpfung führt, oder Burn-out in der Regel mit ADHS zusammen hängt. Es kann aber verständlich machen, warum manche alltäglichen Anforderungen einen erheblichen zusätzlichen mentalen Aufwand erfordern.

ADHS im höheren Erwachsenenalter

Die Forschung zu ADHS im höheren Erwachsenenalter ist noch relativ jung. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zeigt, dass ältere Menschen mit ADHS insbesondere bei Aufmerksamkeit und bestimmten Gedächtnisleistungen Schwierigkeiten haben können. Die Befunde zu den exekutiven Funktionen sind dagegen nicht einheitlich.⁴
Interessant ist deshalb die Frage, was geschieht, wenn Strategien, die über Jahrzehnte funktioniert haben, irgendwann nicht mehr in gleicher Weise ausreichen.
Ein Mensch kann beispielsweise sein ganzes Berufs- und Familienleben mit hohem Einsatz bewältigt haben und erst später erleben:
„Früher habe ich das alles geschafft. Es war anstrengend, aber es ging. Jetzt geht es nicht mehr.“
Eine solche Entwicklung kann verschiedene Ursachen haben. Mit zunehmendem Alter können sich körperliche Belastbarkeit und Energieniveau, Schlaf, Lebensumstände und kognitive Ressourcen verändern. Dadurch können bisher erfolgreiche Strategien an ihre Grenzen kommen.
Die Forschung legt nahe, dass solche lebenslangen Kompensationsstrategien bei Erwachsenen mit ADHS häufig vorkommen.⁵ Es ist jedoch noch nicht ausreichend untersucht, ob und in welchem Ausmaß eine jahrzehntelange Kompensation selbst zu späterer Erschöpfung führt.

Frauen und hormonelle Veränderungen

Bei Frauen können hormonelle Veränderungen eine zusätzliche Rolle spielen. Eine aktuelle populationsbasierte Studie fand bei Frauen mit ADHS eine deutlich höhere Belastung durch perimenopausale Beschwerden als bei Frauen ohne ADHS. Dazu gehörten unter anderem Erschöpfung, Schlafprobleme, Stimmungsschwankungen, Ängste und körperliche Beschwerden.⁶
Auch hierzu ist die Forschung noch im Aufbau. Die bisherigen Ergebnisse sprechen dafür, diese Lebensphase bei Frauen mit ADHS besonders aufmerksam zu betrachten. Sie beweisen jedoch nicht, dass hormonelle Veränderungen allein eine Verschlechterung des ADHS verursachen.

ADHS oder etwas anderes?

Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Erschöpfung und eine nachlassende Belastbarkeit können viele verschiedene Ursachen haben. Gerade im höheren Lebensalter sollten deshalb auch Depressionen, Angst- und Schlafstörungen, körperliche Erkrankungen, Medikamente sowie altersbezogene oder neurokognitive Veränderungen berücksichtigt werden.
Umgekehrt sollten solche Beschwerden nicht automatisch als normale Alterserscheinung eingeordnet werden.
Besonders aufschlussreich kann die Lebensgeschichte sein. Wenn Aufmerksamkeits-, Organisations- oder Selbststeuerungsprobleme bereits seit Kindheit oder Jugend bestehen, kann dies ein wichtiger Hinweis auf ein bislang unerkanntes ADHS sein.
Eine sorgfältige Diagnostik betrachtet deshalb nicht nur die aktuellen Beschwerden, sondern auch deren Entwicklung über die gesamte Lebensspanne.

ADHS und besondere intellektuelle Fähigkeiten

ADHS und besondere intellektuelle Fähigkeiten können gemeinsam auftreten. Gute kognitive Fähigkeiten können Schwierigkeiten teilweise ausgleichen und dazu beitragen, dass ADHS lange unbemerkt bleibt.
Interessante oder anspruchsvolle Aufgaben können beispielsweise eine besonders gute Konzentration ermöglichen, während alltägliche, wenig anregende oder stark strukturierte Anforderungen deutlich schwerer fallen. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass ein Mensch „eigentlich alles kann“ – solange die Bedingungen stimmen.
Auch hier ist deshalb nicht nur die Frage wichtig, was jemand leisten kann, sondern wie viel Kraft es kostet, diese Leistung dauerhaft zu erbringen.

Was lässt sich wissenschaftlich sagen?

Nach dem derzeitigen Forschungsstand lässt sich nicht sagen:
„Unbehandeltes ADHS führt im Alter zu chronischer Erschöpfung.“
Dafür fehlen noch ausreichende Langzeitstudien.
Gut belegt ist dagegen, dass ADHS bei Erwachsenen mit Schwierigkeiten der Aufmerksamkeit und Selbststeuerung sowie mit einer erhöhten Häufigkeit von Fatigue verbunden sein kann. Viele Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens individuelle Kompensationsstrategien. Im höheren Erwachsenenalter können sich die Bedingungen verändern und dadurch bisher ausreichende Strategien weniger wirksam werden.⁴ ⁵
Gerade bei zunehmender Erschöpfung oder nachlassender Alltagsbewältigung kann es deshalb sinnvoll sein, nicht nur nach den aktuellen Beschwerden zu fragen, sondern auch die bisherige Lebensgeschichte und die über viele Jahre entwickelten Bewältigungsstrategien einzubeziehen.
Eine solche Betrachtung kann helfen, ADHS besser von anderen möglichen Ursachen zu unterscheiden und die eigene Lebensgeschichte neu zu verstehen.
Weitere Informationen zu ADHS, zu ADHS im Erwachsenenalter sowie zu ADHS in Verbindung mit Autismus finden Sie bei Nicolai Semmler:
adhs-erwachsene.net

Wissenschaftliche Quellen

  1. Attoe, D. E., & Climie, E. A. (2023). Miss. Diagnosis: A Systematic Review of ADHD in Adult Women. Journal of Attention Disorders, 27(7), 645–657. DOI: 10.1177/10870547231161533.
  2. Rogers, D. C., Dittner, A. J., Rimes, K. A., & Chalder, T. (2017). Fatigue in an adult attention deficit hyperactivity disorder population: A trans-diagnostic approach. British Journal of Clinical Psychology, 56(1), 33–52. DOI: 10.1111/bjc.12119.
  3. Turjeman-Levi, Y., Itzchakov, G., & Engel-Yeger, B. (2024). Executive function deficits mediate the relationship between employees‘ ADHD and job burnout. AIMS Public Health, 11(1), 294–314. DOI: 10.3934/publichealth.2024015.
  4. Pardo-Palenzuela, N., Onandia-Hinchado, I., & Diaz-Orueta, U. (2025). Cognitive Profile of ADHD in Older Adults: A Systematic Review. Journal of Attention Disorders, 30(1), 152–162. DOI: 10.1177/10870547251385758.
  5. Kysow, K., Park, J., & Johnston, C. (2017). The use of compensatory strategies in adults with ADHD symptoms. Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 9(2), 73–88. DOI: 10.1007/s12402-016-0205-6.
  6. Jakobsdóttir Smári, U., Valdimarsdottir, U. A., Wynchank, D., et al. (2025). Perimenopausal symptoms in women with and without ADHD: A population-based cohort study. European Psychiatry, 68(1), e133. DOI: 10.1192/j.eurpsy.2025.10101.
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